Ein Jahr im gleichen Anzug


Ziemlich sexistisch

Wie sexistisch ist eigentlich die Kleidungsfrage? In meinem Seminar: „Der professionelle erste Eindruck“ hat mir ein Teilnehmer von einem Experiment eines australischen Moderators erzählt. Karl Stefanovic, dem Moderator der australischen Morgen-Show „the breakfast show on Channel Nine“ ist aufgefallen, dass seine Moderations-Kollegin Lisa Wilkinson ständig Kritik für ihren Kleidungsstil bekommt. Er nicht.

Wenn er Feedback bekommt, geht’s hauptsächlich um seinen Humor oder die geführten Interviews. Bei ihm geht es im Kern also nicht um seine Kleidung, sondern darum, wie er seinen Job macht. Deshalb hat er sich zu einem Experiment entschieden: Er will mehrere Tage lang immer den gleichen dunkelblauen Anzug tragen. Wie wohl die Zuschauer darauf reagiert haben?

 

Karl Stefanovic und Lisa Wilkinson [Bildquelle: smh.com / APA/NINE]

 

Karl Stefanovic, ein bekannter australischer Moderator, wollte testen, wie sexistisch Menschen in Bezug auf Kleidung urteilen. Seine Moderationspartnerin Lisa Wilkinson bekam über die Presse und das Internet immer wieder Feedback zu ihrer Kleidungs-Wahl. Darum wollte Stefanovic sehen, was passiert, wenn er jeden Tag den gleichen Anzug trägt. 

Ein paar Tage. Einen Monat. Was ist passiert? Nichts. Kein Kommentar. Darum hat er beschlossen, den gleichen Anzug für ein ganzes Jahr zu tragen. Tag für Tag, immer der gleiche Anzug. Und einzig Lisa, seine Moderationspartnerin, bemerkte, dass der Anzug unangenehmen zu riechen beginnt. Nur ein paar Mal hat er den Anzug gewaschen, das Hemd und die Krawatte hat er hingegen öfter gewechselt. Was ist in diesem Jahr passiert?

 

Karl Stefanovic Tag für Tag im gleichen Anzug [Bildquelle: TYTU]

 

"No-one has noticed"

Der 40 Jahre alte Moderator hat den blauen Anzug ein ganzes Jahr getragen, und niemandem ist es aufgefallen. 12 Monate ohne jede Kritik an seiner Kleidung, weder positiv noch negativ. Lisa Wilkinson hingegen erntet sehr wohl häufig harsche Kritik für ihren Kleidungsstil. Stefanovics Fazit regt zum Nachdenken an:

„Women are judged much more harshly and keenly for
what they do, what they say and what they wear.
I've worn the same suit on air for a year to
make a point and no-one has noticed.“

Karl Stefanovic

Nachdem das Experiment aufgelöst wurde, ergänzte Lisa Wilkinson, dass die meiste Kritik von Frauen kommt. Sie bekommt zwar auch sehr viel Zuspruch von Frauen, aber wenn sie kritisiert wird, dann kommt die Kritik deutlich öfter von Frauen. 

 

 

Ist Frauenkleidung nur in Australien ein Thema?

Bei weitem nicht! Ich höre sehr gerne Rednerinnen und Rednern auf der Bühne wirklich zu. Was die Leute auf der Bühne anhaben interessiert mich persönlich meist weniger. Viel mehr interessiert mich, was sie zu sagen haben. Außer sie tragen etwas wirklich Auffälliges, das ständig meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das sind meist „blinkende“ oder störende Accessoires, unpassende Kleidungsstücke oder Schuhe, die das Publikum ständig beobachten muss. In der Praxis sind das zum Beispiel die pseudo-modernen weißen Sneaker der Möchte-Gern-Marketing-Gurus, die von den Vortragenden ablenken. Ich bin ein rießen Fan von Steve Jobs Business-Präsentationen, aber nicht von seinen weißen Schuhen auf der Bühne. Gut, Steve Jobs hat ja jahrelang im Büro überhaupt keine Schuhe getragen, da sind weiße Turnschuhe auf der Bühne schon ein „Fortschritt“.

 

[Bildquelle: bigstockphoto.com]

 

Mich stören ablenkende Dinge. Das ist meine Meinung. Ich bin mit meinem Urteil wahrscheinlich auch nicht besser als die Kritiker von Lisa Wilkinson. In Seminaren erkläre ich ja auch, was für oder gegen eine bestimmte Kleidungswahl spricht. Die Wirkung auf andere Menschen ist auf jeden Fall auch bei uns ein Thema.

Eines ist selbst mir in den letzten Jahren aufgefallen: In der Praxis wird vom Publikum sehr oft die Kleidungswahl der Frauen auf der Bühne kommentiert. Ähnlich wie bei dem Experiment in Australien, sind die größten Kritikerinnen auch bei uns Frauen. Nur einmal hat sich ein Geschäftsführer in einem Präsentationsseminar über das rosa Hemd (zum Anzug), bei einem seiner Verkäufer ordentlich ausgelassen. Anstatt eine Sexismus-Diskussion zu beginnen, frage ich mich viel eher: Wie soll Frau es eigentlich „richtig“ machen? 

 

Kann Frau sich überhaupt „richtig“ anziehen?

Was sagen die Etikette-Regeln? Frauen haben im Allgemeinen mehr Möglichkeiten als Männer – was zur Freude der einen und zum Leid der anderen beiträgt. Bei der Kleidungswahl im Berufsalltag gelten generell die gleichen Regeln für Frauen wie für Männer. Im Moment lässt sich auch bei Frauen ein Trend zum „Business-Casual“ feststellen, einem etwas lockereren, nicht ganz so strengen Look. Hier kombiniert man auch einmal ein T-Shirt oder bringt etwas mehr Farbe ins Spiel.  Die Regeln für Frauen-Businessmode unterscheiden sich im Allgemeinen nicht von denen der Männermode. Daher sind die Farben dunkelblau oder anthrazit auf jeden Fall passend für den Hosenanzug oder das Kostüm.

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum bei Karl Stefanovic der Anzug nicht sonderlich aufgefallen ist. Schwarz trägt man offiziell nur am Abend oder zu bestimmten Anlässen. Aber auch Männer werden für die „falsche“ Kleidungswahl durchaus kritisiert.

  

Werber oder Omi gestorben?

Unser ehemaliger Bundeskanzler, Werner Faymann, hat sich einmal erlaubt, eine Kampagne mit schwarzem Anzug, weißen Hemd und schwarzer Krawatte zu plakatieren. Die Kritik war groß. Ein schwarzer Anzug mit einer schwarzen Krawatte löst einfach ungewollte Assoziationen aus. In der neuen Kampagne war das Hemd immer noch weiß, die Krawatte rot-weiß-rot und das Sakko dunkelblau. Ein paar Unternehmensberater setzen auf schwarze Anzüge. Auch über diese Berufsgruppe habe ich schon einige negative Bemerkungen bezüglich ihrer Kleidungswahl gehört. Bei „Wetten dass …“ ist einmal ein Zuschauer im schwarzen Anzug entlang der Sitzreihen gewandert. Thomas Gottschalk fühlte sich durch diesen jungen Mann gestört, woraufhin er ihn gefragt hat: „Werber oder Omi gestorben?“.

Auch Männer bekommen ihr Fett weg, wenn sie kleidungs-technisch danebengreifen. Allen, die sich in ihrer Kleidungswahl an den Etikette-Regeln orientieren möchten, kann ich folgende 7 allgemeine Tipps ans Herz legen.

 

[Bildquelle: bigstockphoto.com] 

 

7 Etikette-Regeln für den „perfekten“ Business-Auftritt

1. Bei Blusen gelten dieselben Regeln wie bei den Herren-Hemden

Die Bluse sollte bis zur Daumenwurzel reichen und den Blazer ebenso vor Verschmutzungen schützen. Darum achten auch Männer darauf, dass das Hemd am Handgelenk ein bis zwei Zentimeter unter dem Sakko hervorschaut. Auch die Bluse darf weiß oder hellblau sein – wie die Hemden bei Stefanovic. Bei Männern immer langärmlig. Männer krempeln hoch. Frauen sollten hier zusätzlich auf ihren Ausschnitt achten. Eine gute Ausschnitt-Länge entspricht der Länge vom Haaransatz bis zum Kinn.

Frauen haben hier offensichtlich in der Praxis mehr Möglichkeiten. Aber auch Männern dürfen heute T-Shirts unter dem Sakko tragen. Wichtig ist nur: Wer kein langärmlige/s Hemd/Bluse anhat, behält das Sakko/den Blazer an.

Allgemein gilt: Keine Brusttasche, weil die nur bei „Arbeitshemden“ getragen wird wie z.B. im Service, bei der Polizei, … etc. Bei Männern sowie bei Frauen gehört in Bezug auf Businesskleidung und einem professionellen Auftreten das Hemd in die Hose, alles andere sieht einfach unordentlich aus.
 

2. Orientieren Sie sich an den mächtigsten Frauen der Welt

Seit Hillary Hosen trägt, darf man auch in New York als Frau im Business offiziell Hosen tragen. Auch Serien wie „Suits“ oder „The good wife“ geben einen sehr guten Eindruck was Mann und Frau tragen „darf“. Kleidung darf gern elegant sein, aber nicht eleganter als die ihrer direkten Vorgesetzten.
 

3. Das wichtigste ist immer, dass das Gesamtbild stimmig ist

Das gelingt dadurch, dass man einem ähnlichen Stil oder Muster folgt (Punkte, Karos, Vierrecke, usw.) Ich finde auch, dass teilweise lokal bekannte Politikerinnen hervorragend gekleidet sind. Aber vielleicht gibt’s hier auch gute Gründe, warum diese Damen offensichtlich sehr viel Wert auf eine (dem Rahmen angepasste) Kleidung legen.

4. Frauen mit einem Ohrloch sollten auch immer Ohrringe tragen

Ansonsten wirkt der Look unvollständig. Auch ein Mann erscheint nicht im Nadelstreifenanzug ohne Krawatte.
 

5. Die Rocklänge sollte sich am Knie orientieren

Ob die Länge kurz ober oder unter dem Knie liegt, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Vielleicht wird dieses Thema irgendwann auch bei Männern relevant. Das werden wir noch sehen. Zumindest bei der Oscar-Verleihung 2019 ist Billy Porter mit seinem Smokingkleid zum Star der Nacht avanciert. Mit seinem Kleid im Anzug hat er allen anderen auf dem roten Teppich die Show gestohlen.

6. Süße Düfte wirken eher unseriös

Eine Studie der Berner Sozialwissenschaftlerin Sabine Sczesny hat ergeben, dass süße Düfte an Frauen eher unseriös wirken. Männlich konnotierte, frische Düfte hingegen sind sehr seriös.
 

7. „Je höher die Frisur, desto höher die Stellung“

Frauen tragen ihre Haare im Business nicht offen, sondern hochgesteckt.
 

Mehr Tipps für Frauen und Männer gibt es bei Nadine Meyden. Ihr Buch findest Du in der Literaturliste.

 

[Bildquelle: bigstockphoto.com]

 

Herr Elmayer, Sie müssen die Regeln ändern!

Ob diese Etikette-Regeln tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sind, lasse ich einmal dahingestellt. Grundsätzlich gilt, dass Frauen wesentlich mehr Freiheiten bei der Kleidungs-Wahl im Business haben als Männer. Immerhin sind die Regeln der Business-Etikette ähnlich für beide Geschlechter. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass sich niemand aufregt hätte, wenn Lisa Wilkinson ein Jahr lang das gleiche Kostüm mit der gleichen Hochsteckfrisur getragen hätte.

Die Kleidungs-Frage bleibt wohl auch in Zukunft immer noch ziemlich sexistisch. Eine klare Antwort was Frauen und Männer jetzt wirklich anziehen sollen, gibt es wahrscheinlich nicht. Selbst die Etikette-Regeln sind nur eine Orientierung. Außerdem: Wer hat diese Regeln überhaupt erfunden? Thomas Schäfer-Elmayer, der österreichische Etikette-Papst, hat einmal ein Email von einem Amerikaner bekommen mit der Bitte: „Herr Elmayer, Sie müssen die Regeln ändern!“ Das konnte er natürlich nicht.

 

Eine traurige Nachricht gibt’s noch

Durch diesen australischen Sexismus-Test hat Stefanovic sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, insbesondere nachdem Lisa Wilkinson einen Talk zum Thema gehalten hatte. Eine traurige Nachricht gibt’s allerdings noch: Vor dieser Rede war die meist gestellte Frage an Frau Wilkinson nicht: „Über was wirst du sprechen?“, sondern: „Was wirst du anziehen?“

 

Dein Rhetorik-Trainer
 
Gerald Kern

 

 


Quellen:

  1. Nandine Meyden (2011), Lexikon der Benimm-Irrtümer
  2. Nandine Meyden (2012), Neues Lexikon der Benimm-Irrtümer
  3. Stephan Heinrich, Elisateth Motsch: Sales-Up-Call – Der erste Eindruck verkauft (Hörbuch)
  4. Alexander Freiherr von Fircks, Agnes Anna Jarosch (2011): Business-Etikette für Fortgeschrittene
  5. Thomas Schäfer-Elmayer (2007): Business-Etikette: Karriere mit Stil
  6. Newsbeat: Australian TV Host wears same suit for a year and nobody notices.
  7. Sidney Morning Herald: When it comes to sexism media has to heal itself