Ich geh mit den Jungs ins Bett


So präsentiert man heute

Stell dir vor, du nimmst heute Abend gleich drei Männer mit zu dir ins Bett. Sie bringen dich zum Lachen, regen dich zum Nachdenken an und bereichern dich mit Wissen und Weisheit – und das sogar völlig kostenlos!

Klingt zu schön, um wahr zu sein?

Vor fast 10 Jahren bin ich noch mit den Büchern von Nancy Duarte und Garr Reynolds ins Bett gegangen. Heute begeistern mich gleich drei Jungs und ich bin mir sicher, auch Du kannst viel von ihnen lernen.


Selbst Matthias Pöhm, der jahrelang den Irrtum-PowerPoint verkündet hat und die Meinung vertreten hat, dass PowerPoint eine einzige Katastrophe ist, ist mittlerweile zurückgerudert. Zum Teil hatte er auch recht, noch vor ein paar Jahren waren durchschnittliche PowerPoint Präsentationen oft richtig schlecht. In seinem Gedanken-Tanken Impuls zum Thema Rhetorik gesteht selbst Matthias Pöhm ein, dass PowerPoint zumindest in 5 von 100 Fällen mit dem Flipchart oder ohne Medium nicht zu schlagen ist. Und diese Zahl wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen. In Präsentations-Seminaren mit jungen TeilnehmerInnen sehe ich laufend eine neue PowerPoint-Generation heranwachsen.

2008 war das Jahr der PowerPoint-Wende. Die Autoren Garr Reynolds und Nancy Duarte legten mit ihren Büchern PresentationZen und Slide:ology einen neuen Standard für PowerPoint-Präsentationen fest. Das war zu einer Zeit, als Steve Jobs mit der iPhone Präsentation begeisterte und die Welt kurz den Atem anhielt. Vor rund 10 Jahren.  

Wie setzt man PowerPoint heute ein?
Wie haben sich Design und Technik in den letzten Jahren verändert?
Was werden die neuen Folien-Standards von morgen?


Antworten darauf geben drei Comedians aus den Vereinigten Staaten. Die drei Männer, die mich abends ins Bett begleiten.


[Bildquellen: John Oliver: Emily Shur/HBO; Seth Meyers: Lloyd Bishop/NBC; Trevor Noah: Gavin Bond/Comedy Central]


Humor, der sicher nicht jedem schmeckt

John Oliver, Trevor Noah und Seth Meyers prägen die Unterhaltungsbranche mit viel Witz, Selbstironie und Ausstrahlung. Was vor 10 Jahren noch undenkbar erschien: Sie verwenden eine Art „PowerPoint-Präsentation“ im Hintergrund, um ihre humorvollen Botschaften zu untermauern. Sie zeigen, wie man heute PowerPoint unterhaltsam und einprägsam einsetzen kann. Eigentlich sind sie Kabarettisten, jeder mit seinem eigenen Stil. Nicht jedem werden alle drei gefallen. Humor ist eben eine Frage des Geschmacks.

 

Ami Präsentations-Regel #1: 
Bring deine ZuhörerInnen innerhalb der ersten 60 Sekunden zum Lachen

Trevor Noah, der Moderator von „The Daily Show”, folgt der klassischen amerikanischen Regel: Bring die ZuhörerInnen innerhalb von einer Minute zum Lachen. Das gelingt ihm mit viel Selbstironie und positiver Ausstrahlung. Humorvoll betont er seine südafrikanische Herkunft. Witze über seine Hautfarbe machen ihn zu einem sympathischen Weggefährten, dem man gerne zuhört. Er regt dazu an, über den Tellerrand zu blicken. 

 


Ami Präsentations-Regel #2:
Wiederholung und ein zusammenfassendes Ende 

Die „Last week tonight“ wird von John Oliver moderiert. Natürlich trifft er damit nicht jeden Geschmack. Er startet sehr schnell ins Thema – Last Week Tonight – obwohl er selten tatsächlich über die letzte Woche spricht. Er moderiert einmal in der Woche und baut bewusste Wiederholungen in seine Präsentation ein. Wie bei den großen Präsentationen von Dr. Martin Luther King „I have a dream“ oder Barack Obama mit „Yes we Can“, setzt er auf ein zusammenfassendes Ende mit einer einprägsamen Botschaft zum Schluss.

 

What does he mean when he says words?


Ami Präsentations-Regel #3:
Ein Loop zum Schluss

Das spannende an Seth Meyers und seiner Show „A closer look - Late night with Seth Meyers“ ist die Verwendung einer bekannten Präsentationstechnik: Der Loop. John F. Kennedy hat eine seiner bekanntesten Reden mit einem berühmten Loop beendet. „Ich bin ein Berliner“ sagte JFK einmal in der Mitte und einmal am Ende. Auch Seth Meyers hört mit einem Loop auf, indem er eine Aussage aus seiner Sendung zum Abschluss noch einmal ganz bewusst wiederholt. Eine Technik, die auch heute noch bei vielen TED-Talks zu sehen ist. 

 


Donald gegen Trump 

Steven Colbert hat mich ursprünglich zu den 3 Jungs gebracht. Ein Klassikervideo, das Colbert beim Moderieren zeigt, ist „Donald gegen Trump“, in dem sich Donald vs. Trump die ganze Zeit selbst widerspricht. Steven Colbert gehört auf jeden Fall ebenfalls erwähnt, auch wenn er normalerweise in seiner Show keine Bilder einblendet.

 


Die PowerPoint-Folien der Zukunft werden Kunstwerke sein

Wenn du dir die Videos ansiehst, wirst du folgende Dinge sehen:

1# Heute werden in PowerPoint-Präsentationen deutlich mehr Folien verwendet
Diese Methode wird auch als Lessing-Methode bezeichnet. Die alten PowerPoint-Regeln – 7 Zeilen pro Folie mit max. 7 Wörtern pro Zeile (auch bekannt unter 5 Zeilen 5 Wörter pro Zeile) oder pro Folie 5 Minuten Redezeit – haben eines gemeinsam: Sie sind veraltet und gelten heute nicht mehr. Vor 10 Jahren haben Duarte und Reynolds bereits propagiert, dass eine Folie innerhalb von 3 Sekunden erfassbar und verstanden werden muss. Wenn wir den drei Jungs zusehen, sind wir heute eher bei unter 1 Sekunde.

2# Videos sind die neuen Bilder
Es werden in den nächsten Jahren immer mehr Videos in Folien eingesetzt werden. Damit nehmen die Bildrate und Abwechslung immer weiter zu. Gleichzeitig wird die Dauer der eingesetzten Videos kürzer werden. Aktivierende Hintergrund-Videos werden kurz die Aufmerksamkeit wieder zurück zu den Folien holen. Kleine Highlights werden die Präsentationen bereichern. Auch Animationen wurden bereits wieder rehabilitiert – wenn sie richtig eingesetzt werden.  

3# Bilder werden nicht mehr einfach nur Bilder sein
Bei Duarte und Reynolds war die Tendenz schon zu erkennen: Photoshop. In den letzten 10 Jahren haben sich professionelle Bilder-Stock-Börsen immer weiter durchgesetzt. Vollkommen zurecht sollte man die gestohlenen Bilder von Google heute nicht mehr in PowerPoint-Folien verwenden. Der nächste Schritt werden Unikate sein. Selbst gemachte Bilder oder zumindest neu kombiniert und mit Photoshop bearbeitet.


Die PowerPoint Präsentationen von Morgen werden vielleicht nicht einmal mehr mit PowerPoint gehalten werden. Aber eines ist klar, sie werden beeindruckend. 

Feuerwerke.
Unikate. 
Kunstwerke.

Ich freu mich drauf :)



Dein Rhetorik-Trainer

Gerald Kern

 


Quellen:

  1. Garr Reynolds: Zen oder die Kunst der Präsentation: Mit einfachen Ideen gestalten und präsentieren. dpunkt.verlag GmbH, 2013
  2. Nancy Duarte: slide:ology: Oder die Kunst, brillante Präsentationen zu entwickeln. O'Reilly and Associates, 2009